Live-Reviews

On A Dark Winter's Night-Festival

28.12.2004, Oberhausen, König-Pilsener-Arena

Pünktlich gegen 16:00 Uhr hatten wir unsere vorreservierten Plätze eingenommen, um den Klängen der ersten Band zu lauschen. Bei Angelzoom handelte es sich allerdings weder um eine Heavy-Metal noch um eine Gothic oder Darkwave-Band, sondern um ein Duo, bestehend aus zwei Leuten, das sich der düsteren und emotionalen Avantgarde-Musik verschrieben hat, jenem seltenen Musikstil, der Melancholische, emotionale Musik mit düsteren Barockklängen vermischt.
Obwohl ich mit Ausnahme unten erwähnter Coverversion zugegebenermaßen nicht einen ihrer Songs kannte, ging es mir wie vielen Anwesenden in der Halle. Angelzoom gelang das seltene Kunststück, tatsächlich so etwas wie weihnachtliche Atmosphäre in die Halle einfließen zu lassen. Untermalt von Pianoklängen kam die herrliche Stimme der Frau in der aufgrund ihrer Akustik hervorragende Möglichkeiten bietenden Kö-Pi-Arena klar und voll zum tragen, der Pianist spielte exzellent. Immerhin ließ es sich das begnadete Duo nicht nehmen, mit »Crawling« sogar eine Linking Park-Coverversion auf Avantgarde zu vertonen, die sich nahtlos in den Set einfügte. Sehr mutig. Genau das richtige, um eine geeignete Atmosphäre in der Halle zu erzeugen. Schade, dass dem Duo nur eine sehr begrenzte Spielzeit von knapp einer halben Stunde zustand. Ein wahrlich hörenswerter Gig der außergewöhnlichen Art!

Mit zunehmender Erwartung stieg auch der Appetit des Publikums auf härtere Klänge. War mir die Band Secret Discovery aus ihren Anfangstagen noch als technisch versierter Progressiv-Metal-Act Mitte der 90er Jahre in Erinnerung, bot sich mir an diesem Abend ein völlig verändertes Bild. Treibender Gothic-Rock mit hohem Groove-Faktor stand auf dem Programm der aus dem hohen Norden kommenden Formation, der es mühelos gelang, die Stimmung im Publikum am Nachmittag so richtig anzuheizen. Schade, dass auch dieser Band leider gerade mal nur eine halbe Stunde Spielzeit zur Verfügung stand.
Secret Discovery wussten die Gunst der (halben) Stunde zu nutzen, legten sogleich los wie die Feuerwehr und brachten neben eigenen Stücken deren Titel mir leider entfallen sind (hmm ..., es wird Zeit, diese Lücke in meiner Sammlung alsbald zu schließen) auch Coverversionen die es soundmäßig und groovetechnisch in sich hatten: Mit »You Spin Me Round« von Dead Or Alive und der absolut erstklassigen Billy Idol-Coverversion »Rebell Yell« hatte die Band zwei Super Sahneschnittchen aus den 80ern im Gepäck, die das Stimmungsbarometer im Publikum bereits nach kurzer Zeit steil nach oben klettern ließen.
Derart intensiv und druckvoll habe ich vor allem letztere bisher von keiner anderen Band auf dem Livesektor gehört! Hinzu kam eine entsprechend quirlige Bühnenperformance, mit der die Band ihren (nicht nur aus Sicht des Rezensenten) viel zu kurzen, rundherum gelungenen Auftritt abrundete. Ähnlich sah es wohl auch ein Teil des Publikums, das während des gesamten Secret Discovery Auftritts begeistert mitging und am Ende lange Gesichter zog, da der Band noch nicht einmal die Möglichkeit für eine Zugabe blieb. Schade! In dieser Form dürfte von Secret Discovery, die schon seit vielen Jahren zu den besten Bands (hierzulande wenn nicht gar international) auf dem Gothic-Rocksektor gehören auch zukünftig noch eine ganze Menge zu erwarten sein. Klasse!!!

Trotz der Tatsache, dass After Forever mit Suicide Commando die Plätze getauscht hatten, tat dies dem Auftritt der sechs Holländer keinen Abbruch. Schon die ersten Klänge deuteten an, dass sich hier eine ganz schwere Metalwalze ihren Weg durch die Kö-Pi-Arena bahnen würde.
Das Holländer-Sechstett brillierte von Beginn an mit einem druckvollen Sound, der ganz besonders die eindeutig in der Minderheit befindliche Metalfraktion in der Halle in freudiges Entzücken versetzte! Mit ihrer Mischung aus kraftvollem Heavy-Metal, Darkmetal eingekleidet ins Gothicgewand lag die Band an diesem Abend genau richtig und war meilenweit von poppigen Genre-Bands wie Evanescence oder Within Temptation entfernt.
Arschtight und punktgenau wusste gerade die häufig mit zwei Gitarren und einem Gitarrensynthesizer (!!!) aufspielende Langholzfraktion um die hübsche Frontfrau zumindest allein durch die gebotene Show (einschließlich sehenswertem Stageacting) einen Teil des Publikums mächtig zu beeindrucken. After Forever legten ein mächtig fettes, geradliniges und oberamtlich derbe krachendes Metalbrett vor, das es gewaltig in sich hatte und nach dem Gig zahlreiche erstaunte Gesichter hinterließ. Höhepunkt des Sets der Holländer waren die Duelle zwischen dem Leadgitarristen und dem dritten Gitarristen, der sich den Gitarrensynthesizer schnappte, an den Tasten drauflosfrickelte was das Zeug hielt und sich fette Klangduelle mit dem Leadgitarristen lieferte, was einen wunderschönen und durchaus sehr interessanten Kontrast abgab.
Die hübsche schwarzhaarige Frontfrau der Kapelle aus dem Käseland bewies nicht nur großartiges stimmliches Talent und überzeugte wie die Gitarristenfraktion der Truppe durch tolles Stageacting sondern stachelte gerade die Darkmetal-Fans immer wieder durch heftiges Propeller-headbanging zum Mitmoshen an! Stücke wie »Monolith Of Gold« oder »Gloryfy Me« brachten die Halle zum Beben und sorgten bei zahlreichen weitestgehend auf Electro-EBM oder Darkwave eingestellten DüsterheimerInnen für ein doch eher recht nachdenkliches Stirnrunzeln. Ein feiner Gig!

Über Suicide Commando kann ich nichts berichten, hab' ich verpasst, da meine Freundin und ich uns zu lange im Schattenreich einer vom Festival abgetrennten Raumsektion auf dem Schattenmarkt aufgehalten haben. So kam es, wie es nun einmal so kommt, wenn man nur mal kurz den Metal- bzw. Schattenmarkt besuchen und ein wenig stöbern will. Man sucht, findet, überlegt, kauft oder lässt es sein und merkt dabei überhaupt nicht, wie schnell die Zeit vergeht ...

Rechtzeitig zum Tiamat-Auftritt nahmen meine Maus und ich unsere Plätze ein, um dem Auftritt des Schwedenvierers um den charismatischen Frontmann Johann Edlund zu lauschen. Von den Summermetalmeetings '96 noch in guter Erinnerung, wusste die Truppe um Fronter Johann Edlund auch in Oberhausen wieder auf ganzer Linie zu überzeugen. Hatten die Schweden gegen Ende der 90er einen kleinen Einbruch erfahren, lässt sich festhalten, dass dieser zum Glück nur von kurzer vorübergehender Dauer gewesen ist.
Mit ihrer gesunden Mischung aus älteren Stücken der »Clouds«/»Wildhoney«-Phase und ihrem aktuellen Werk »Pray« konnten die Schweden zumindest fast die Hälfte des Anwesenden Publikums für sich gewinnen, womit sie neben Nightwish und den später noch folgenden Ooomph die eigentlichen Gewinner dieses Festivals waren. Ausgestattet mit einem fetten Sound blieb bei Songs wie »The Ar«, »Gaia«, »In My Dreams« oder »Pray« kein Auge trocken. Tiamat schafften es fast mühelos einen eigenartige Atmosphäre in der gut gefüllten (allerdings nicht restlos ausverkauften) Kö-Pi-Arena zu erschaffen, die ihresgleichen häufig vergeblich sucht.
Mit ihrem streckenweise stark Pink-Floyd-lastigen Gothic/Doom-Metal verblüffte die Band auch viele Fans, denen der Name Tiamat bislang noch kein Begriff gewesen ist. Zentnerschwere Gitarren, eine düstere Grundstimmung sowie das charismatische Organ von Bandmastermind Johann Edlund stachen aus der leider nur dreiviertelstündigen Show heraus. Gerade der Tiamat-Gitarrist erwies sich als Könner der Ausnahmeklasse, wie die wunderschönen, langen hochkonzentrierten Soli bewiesen, die sich wohltuend aus der breiten Masse zahlreicher Metalgitarristen abhoben und zahlreiche LiebhaberInnen klassischer E-Gitarrenklänge in stillschweigendes Erstaunen versetzten. Selten und Sehenswert.
Traurig nur, dass viele Nightwish-Fans, die allein nur wegen dem Headliner auf diesem Festival anwesend waren, sich zurückhielten, statt dem starken Auftritt der Schweden verdientermaßen Respekt zu zollen und sich an einer Offenbarung, der besonderen Art zu erfreuen. Neben dem Headliner waren Tiamat die mit Abstand beste Band des Billings!

Apoptygma Bezerk gaben eine Mischung aus Electronic-Pop, Technotronic und harten melodiösen Rocksounds zum besten, deren Inhalt die Lager extrem spaltete, mehr weiß ich allerdings nicht darüber zu berichten, da ich einen heftigen Migräneanfall bekam (ob's möglicherweise an der Musik von Apoptygma Bezerk lag?) und sogleich die Halle für eine knappe halbe Stunde verließ.

Dass Oomph die Stimmung in der Kö-Pi-Arena noch einmal in enorme Höhen steigern würden war klar und ließ sich an den fünf Fingern einer Hand abzählen. Nein, da brauchte man wirklich kein Prophet zu sein. Die Band verfügte nicht nur lichttechnisch über eine tolle Bühnenshow, sie agierte auch sehr beweglich auf der Bühne, nahm sogleich einen Großteil des Gesamtpublikums für sich ein, das spätestens jetzt auch zahlenmäßig regelrecht ausrastete und brachte alle Hits wie »1,2,3,4 Eckstein«, womit die deutschen Gothic-Rocker ihrem Co-Headlinerstatus auf dem On a Dark Winter's Night-Festival an diesem (wie sich schon im Vorfeld des passend zum Konzert wirklich verschneiten Nachmittags herausstellte), verdientermaßen gerecht wurden.

Um 23:15 Uhr betrat endlich der von zahlreichen Fans lautstark geforderte Headliner die Bühne. Nightwish verfügten zu Beginn über einen recht dürftigen Sound; ein Problem, das jedoch glücklicherweise rechtzeitig während des Sets behoben wurde. Die Finnen um Frontfrau Tarja zeigten sich äußerst motiviert und spielten nicht nur alle Klassiker, sondern brachten fast die gesamte Kö-Pi-Arena zum Toben, somit waren der Nightwish-Euporie auch hierzulande keine Grenzen mehr gesetzt.
Stücke wie »Planet Hell«, »Kingslayer«, »The Carpenter«, »Sleeping Sun«, »Phantom Of The Opera« etc., bohrten sich wie Liebespfeile des Gottes Amor in die Herzen ihrer Fans. Spätestens bei »Nemo« hatte die Euphorie innerhalb der Kö-Pi-Arena ihren absoluten Höhepunkt erreicht. Allerdings wäre die Band wesentlich besser damit beraten gewesen, die wieder einmal grottenschlecht gespielte Megadeth-Coverversion »Symphony Of Destruction« (schwacher Sound, zu kurzes, abgehaktes Leadgitarrensolo und teilweise völlig neben dem Takt) künftig aus dem Programm zu streichen und stattdessen durch die ohnehin schon rein studiotechnisch weitaus gelungenere Gary-Moore Coverversion von »Over The Hills And Far Away« zu ersetzen.
Ansonsten gab der Finnenfünfer um Frontfrau Tarja einmal mehr alles und wußte mit einem soliden Auftritt zu überzeugen, womit das 2. On A Dark Winter's Night-Festival letzten Endes doch noch einen würdigen Abschluß fand. Gerade die vielstimmig geforderten Zugaben »Walkin' In The Air« und »Wish I Had An Angel« brachten das Publikum gegen Ende des Sets der Finnen in aller Form noch einmal so richtig zum toben! Nach gerade mal nur gut anderthalb Stunden gingen leider schon die Bühnenlichter an und plötzlich wurde es ganz ruhig in der König-Pilsener-Arena.
Aufgrund ihres aktuellen Longplayers haben die Finnen einen gewaltigen Sprung nach vorn gemacht, ihren Status sogar noch kräftig ausgebaut und gehören mittlerweile zu den ganz Großen auf Festivals kaum mehr wegzudenkenden Metalbands in Europa, was sie dieses Jahr u. a auch auf dem W.O.A., Europas größtem Metalfestival, unter Beweis stellen wollen! Selbst minutenlang später, als die Lichter bereits eine Weile brannten und die Abbauarbeiten begannen, standen noch einige Fans wie versteinert in der riesigen Halle und starrten entgeistert auf die Bühne. Was soll man dazu noch schreiben? Nightwish-Manie pur!

Nachträglich noch einige Worte zum On A Dark Winter's Night-Festival: Das Ambiente in Form der Kö-Pi-Halle erwies sich als prima. Viele Räume, lange Rundgänge im oval, zahlreiche Toiletten, tolle Akkustik und auch vom äußeren her betrachtet, besitzt die König-Pilsener-Arena in Oberhausen eine wirklich ansprechende, durchweg beeindruckende Optik. Ein großes Kompliment auch an die Veranstalter selbst, das Schattenreich/Sonic-Seducer Team um Medusa, das sich alle Mühe gab, einen tollen Event der Sonderklasse auf die Beine zu stellen, sowie die zahlreichen Ordner, Security-Leute und Hilfkräfte der Kö-Pi-Arena, ohne die ein solcher Event weder möglich geschweige denn überhaupt denkbar gewesen wäre.
Die Essens- und Getränkepreise in der Kö-Pi-Arena lagen ebenfalls im vertretbaren Rahmen, ein 0,3 l Bier oder Kre kostete drei Euro, das liegt im Rahmen solcher Events durchaus im gängigen, mitunter noch recht verträglichen Bereich. Phantastische Lichtverhältnisse garantierten jederzeit einen sehenswerten Blick auf's Geschehen. Die Ausgabe kostenloser Sammler-Heftchen des Bastei-Verlags mit Kurzgeschichten und Musikinfos und Szenetipps erwiess sich ebenfalls als empfehlenswerte Aktion kurz nach der Weihnachtszeit, die auch in diesem Jahr wieder im Rahmen des Festivals laufen sollte.
Der Schattenmarkt ließ ebenfalls keinerlei Wünsche offen und garantierte ein reichhaltiges Warenangebot diverser Dinge, die man längst nicht immer, erst recht nicht überall bekommt.
Wo viel Licht ist, gibt es manchmal jedoch auch im Sinne dieses schönen Events (zumindest auch ein klein wenig) Schatten. Drei Dinge sollten wenn es sich einrichten lässt, zukünftig besser überdacht oder im Zweifelsfall geändert werden: Zum einen die Tatsache, dass man das On A Dark Winter's Night-Festival nicht zu sehr fast ausschließlich auf die Gothic-Szene zuschneidet (nun, wenn das aus Sicht der Veranstalter heraus und eventuell damit verbundenen durchaus vertretbaren Gründen nicht geht ... okay dann ist's jedoch immer noch akzeptabel). Zum Zweiten waren die T-Shirt Preise für ein Shirt, das man im Regelfall bei jedem größeren Mailorder oder auf den entsprechenden Festivals für 15 Euro bekommt mit 30 Euro für ein (!!!) Nightwish-Shirt: Abzocke und definitiv eine ziemliche Unverschämtheit gegenüber zahlreichen Musikfans härterer oder bizarrer Klänge seitens der Merchandiseverkäufer und wahrscheinlich auch nicht im Sinne der jeweiligen Bands (oder vielleicht etwa doch???). Das roch stark nach Geldmacherei! Schade auch, dass weder auf den Shirts noch auf den Postern die Originalschriftzüge der auftretenden Bands abgedruckt waren, das hätte dem gesamten Event möglicherweise zusätzlich noch die Krone aufgesetzt und die Fans hätten eine wirklich schöne, im Herzen bleibende Erinnerung an dieses tolle Konzertereignis mitnehmen können. Diese drei Punkte sollten künftig geändert oder wenigstens bei der Festivalplanung für dieses Jahr berücksichtigt werden, ansonsten gilt festzuhalten: Wenn das Billing des O.A.D.W.N.-Festivals auch in diesem Jahr einigermaßen interessant ausfällt, ist ein weiterer Besuch zum Jahresabschluß in der Kö-Pi-Arena in Oberhausen nicht ausgeschlossen.
Fazit: Ein trotz einiger kleinerer Mängel empfehlenswertes Konzertereignis. Hoffentlich sind die Veranstalter dieses gelungenen Events zum Jahresende 2005 wieder in der Lage, ein weiteres bunt gemischtes Programm auf die Beine zu stellen, welches auch dem 3. On A Dark Winter's Night-Festival in aller Form gerecht wird.

Toschi

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CD/DVD-Reviews:

CD-Review: Secret Discovery - Pray
CD-Review: After Forever - Invisible Circles
CD-Review: After Forever - Exordium
CD-Review: Tiamat - Prey
CD-Review: Nightwish - Tales From The Elvenpath
CD-Review: Nightwish - Century Child

Live-Reviews:

22.08.2002 bis 24.08.2002: Summer Breeze 2002 (Abtsgmünd)
16.08.2007 bis 18.08.2007: Summer Breeze 2007 (Dinkelsbühl)
04.08.2005 bis 06.08.2005: 16. Wacken Open Air (Wacken)
02.08.2001 bis 04.08.2001: Wacken Open Air 2001 (Wacken)
11.10.2000: Nightwish, Sinergy, Eternal Tears Of Sorrow (RoFa Ludwigsburg)


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