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Saxon, Evidence One

07.04.2003, Kassel, Musiktheater

Aufgrund terminlicher Schwierigkeiten mussten Brainstorm die angesetzte Show im Vorprogramm der britschen Schwermetaller Saxon in Kassel canceln. Immerhin traten die noch kurzfristig als dritte Gruppe ins Billing gerutschten Nürnberger Newcomer Evidence One fast pünktlich etwa gegen 20:00 Uhr als Vorgruppe von Saxon im Kasseler Musiktheater auf.
Die fünfköpfige Band glänzte durch immense Spielfreude und gutes Stageacting auf der Bühne. Zu Beginn des knapp dreiviertelstündigen Sets von Evidence One reagierte das Publikum im Kasseler Musiktheater anfangs noch ein wenig zurückhaltend. Spätestens zur Hälfte des Sets hatte die (auch dem Verfasser dieses Berichtes zugegebenermaßen) bislang unbekannte Band, der man die Spielfreude (was auch durch den unerwarteten Support-Slot für Saxon bedingt gewesen ist) ansah, einen Großteil des allmählich neugierig gewordenen Publikums auf ihrer Seite. Evidence One lösten ihre Aufgabe im Vorprogramm von Saxon problemlos mit Bravour. Die Band erntete verdienten Applaus seitens vieler zufriedener Fans. Gegen Ende des Sets wurden sogar vereinzelte Zugaberufe laut.

Nach einer recht kurzen, knapp zwanzigminütigen Umbaupause stand plötzlich schon der Headliner auf der Bühne. Während viele altgediente HM-Bands reihenweise abbauen (siehe Ozzy, Priest, Mötley Crue oder Kiss, um nur einige zu nennen) werden Saxon mit den Jahren immer besser. Je oller, je toller! Wer Heavy-Metal in seiner einhundertprozentigsten, ungekünsteltsten Form erleben will, sollte diese Gruppe gesehen haben, diese Briten haben Heavy Metal-Geschichte geschrieben - Saxon sind und bleiben Kult!
Ein schlechtes Saxon-Konzert gibt es eigentlich so gut wie nicht, dafür höchstens ein recht ungewöhnliches. Ungewöhnlich war in der Tat die stark durcheinander gewürfelte Setlist der Briten, die es derart in sich hatte, da sie an diesem Abend eine ganze Reihe von Songs offenbarte, die man lange nicht mehr zu hören bekam, wobei natürlich auch wieder viele altbewährte Standards gespielt wurden, die auf keinem Saxon-Konzert fehlen dürfen.
Schon nach den ersten Takten von Metalhead brandete frenetischer Jubel im Musiktheater auf. Der Gitarrensound lag klar im grünen Bereich, wie der gesamte Sound aller Instrumente. Das laute Hämmern der ersten fetten Riffsalven kündigten gleich zu Beginn an, dass es an diesem Abend enorm druckvoll und heavy zur Sache gehen würde! Die Rhythmussektion spielte arschtight auf. Viele herrlich lange Leadgitarrensoli der beiden Gitarristen brachten die Fans im M.T. serienweise zum ausrasten!
Frontmann Biff präsentierte sich souverän wie immer. Spätestens als der in einen langen schwarzen Trenchcoatmantel gekleidete Saxon-Frontmann gleich während des zweiten oder dritten Stückes seinen deutschen Fans dankte, die den fünf Briten schon lange die Treue halten, kannte der ausgelassene Jubel keine Grenzen mehr. Die fünf Engländer konnten sich mit ihrer gelungenen Mischung aus alten und neuen Krachern einmal mehr sehen lassen! Und sie schienen ihren Auftritt im Kasseler M.T. sichtlich zu genießen. Nicht nur, dass die Band nach allen Regeln der Kunst abgefeiert wurde, die von den Musikern ausgehende Spielfreude übertrug sich bereits von Beginn an auf's Publikum. Saxon präsentierten sich als eingeschworene Einheit, in der jeder einzelne der fünf Musiker seinen Teil zu einem wieder einmal richtig erfrischenen Heavy-Metal-Konzert wie man es in dieser Form selten genug erlebt, beitrug. Die Band rockte und spielte sich einmal mehr durch ein über zweitstündiges Programm, das es wie gewohnt mächtig in sich hatte!
Alte Kracher wie Denim & Leather, Wheels Of Steel, Motorcycle-Man, Princess Of The Night, The Eagle Has Landed, Strong Arm Of The Law, 747 (Strangers In The Night), 20.000 Ft und natürlich Crusader die Alltime-Hymne überhaupt wurden ebenso begeistert von den euphorisch abfeiernden, singenden, tanzenden, gröhlenden und bis zum Anschlag abbangenden Metal-Fans aufgenommen, wie Stücke aus der mittleren und neuen Schaffensphase der Band Marke The Preacher, Terminal Velocity, Court Of The Crimson King, Solid Ball Of Rock oder Battle Cry.
Die Überraschung des Abends stellten allerdings vier andere Songs von Saxon für mich dar: Das epische The Thin Red Line, welches die Schlacht von Harloch erzählt, Requiem - (We Will Remember), die hymnische Hommage an bereits verstorbene Hardrock-Größen (beispielsweise Jimi Hendrix, Bon Scott, Phil Lynott, etc.), das mächtig schwer unter die Haut gehende Broken Heroes und Still Fit To Boogie, eine im wahrsten Sinne des Wortes auf Blues-Boogie getrimmte Rock 'n' Roll-Nummer vom Debütalbum der Band.
Diverse Heavy-Metalfans vom Altrocker/metaller bis hin zum jungen Numetal-Freak neben mir waren überrascht, erstaunt oder einfach nur sichtlich erfreut über das, was die Band an diesem Abend bot. Saxon dürften somit nicht nur ihre alten Fans zufriedengestellt, sondern auch einige neue hinzugewonnen haben. Das Preis-Leistungsverhältnis hielt sich an diesem Abend ebenfalls in einem sehr fairen, überaus angenehmen Rahmen. Für knapp 24 Euro bekamen die Fans eine satte 135-minütige Heavy-Metal-Vollbedienung vom Allerfeinsten (inclusive Vorgruppe) geboten, die sich mächtig gewaschen hatte!
Die Band zeigte sich während des gesamten Gigs in prima Verfassung und bester Laune. Sänger Biff grinste häufig wie ein Honigkuchenpferd, ebenso Basser Nibbs Carter. Biff hatte vor jedem Song lockere Ansagen und Sprüche auf Lager und genoss den Beifall der Saxon-Fans. Der Saxon-Frontmann hat nach wie vor noch immer nichts von seiner einstigen Ausstrahlung verloren, er ist lediglich mit den Jahren ein wenig gewichtiger geworden. Es gelang ihm in unnachahmlicher Weise das Publikum zu puschen und die berühmten Saxon-Fußballchor-Einlagen von den Fans zu fordern, die auch an diesem Abend im Kasseler Musiktheater entsprechend lautstark erklangen und ihre Wirkung natürlich nicht verfehlten.
Saxon präsentierten sich als gut harmonierende Band, in der die Chemie stimmt. Biff hatte das Publikum wiedereinmal voll im Griff! Die beiden Gitarristen Paul Quinn und Doug Scarrat liessen in gewohnt spielfreudiger Manier ihre Äxte kreisen, das es eine wahre Freude sein musste, diesem superben Auftritt beizuwohnen. Spätestens beim in der Mitte des Sets folgenden Drumsolo von Fritz Randow (ex- Victory) zeigte sich, dass Saxon einen der besten Schlagwerker aller Zeiten in ihren Reihen haben, der während des Drum-Solos einen Stick hochwarf und mit zwei anderen weitertrommelte, während er nebenbei auch noch das Doublebass-Pedal bediente. Unglaublich!
Basser Nibbs Carter glänzte mit fast permanent guter Laune und suchte häufig die Nähe der Fans, während er immer wieder wild bangend und dabei breit ins Publikum grinsend seine Naturlockenmähne herumwirbelte, dabei das Letzte aus sich herausholend und obendrein noch ultrasicher seinen Bass bearbeitete! So gut wie an diesem Abend wurde schon lange nicht mehr im ausreichend gefüllten Musiktheater abgefeiert. Die Bühnenpräsenz des englischen Quintetts mit ihrem wie fast immer tierisch gut aufgelegten, oftmals grinsenden charismatischen Frontmann Biff Bifford riss fast alle Fans im M.T. (einschließlich die in den hinteren Reihen) mit. Ein wahres Metal-Freudenfest, nicht nur für Nostalgiker!
Kurzum: Saxon kamen, sahen, rockten und siegten, was die minutenlang anhaltenden lautstarken Zugaberufe und »Saxon, Saxon, Saxon ...«-Rufe mit dem typischen vormaligen in die Hände-Klatschen und die mehr als zufriedenen Gesichter zahlreicher Fans nach dem offiziellen Set eindrucksvoll bestätigten. Demzufolge ließ sich die Band auch nicht lange lumpen und warf den Fans neben fünf weiteren Bonustracks zum Abschluss des grandiosen Gigs ein sehnsüchtig erwartetes und ohrenbetäubend heavy-rockendes Wheels Of Steel vor die Füße, dass es nur so krachte!
Saxon sind noch immer oder heute sogar mehr denn je in der Lage, zahlreichen Newcomern der Branche zu zeigen, wo im wahrsten Sinne des Wortes in punkto Schwermetall der Hammer hängt! Klatschnass Schwitzend, wie das Gros der Fans brachte die Band ein gutes halbes Dutzend Zugaben, wobei die Reihenfolge der gebrachten Stücke keine Rolle spielte. Das einzige, was ich an diesem Abend ein klein wenig vermisst habe, ist der legendäre Saxon-Adler, den die fünf Briten zu ihrer grandiosen Show 2001 nach Wacken mitbrachten, doch dafür reichte die Kapazität im Kasseler M. T. leider nicht ganz aus.

Toschi

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CD/DVD-Reviews:

CD-Review: Saxon - The Inner Sanctum
CD-Review: Saxon - Lionheart
DVD-Review: Saxon - The Saxon Chronicles
CD-Review: Saxon - Heavy Metal Thunder

Live-Reviews:

04.08.2007 bis 06.08.2007: 18. Wacken Open Air (Wacken)
20.07.2006 bis 22.07.2006: Earthshaker Festival (Rieden)
24.06.2005 bis 25.06.2005: Bang Your Head-Festival (Balingen)
05.08.2004 bis 07.08.2004: 15. Wacken Open Air (Wacken)
31.07.2003 bis 02.08.2003: 14. Wacken Open Air (Wacken)
06.11.2001: Saxon, Rawhead Rexx (LKA - Longhorn, Stuttgart)
02.08.2001 bis 04.08.2001: Wacken Open Air 2001 (Wacken)


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