Live-Reviews

Metal gegen Krebs

21.09.2002 bis 22.09.2002, Neukirchen

In Neukirchen bei Heiligenblut fast an der tschechischen Grenze (Landkreis Cham bei Furth im Wald) fand am Wochenende vom 21. und 22. September 2002 ein Benefizmetalkonzert für die deutsche Krebshilfe zur Unterstützung krebskranker Menschen statt. Neben unten genannten Acts spielten zahlreiche weitere, relativ unbekannte Acts. Die Setlist war jedoch durch das spätere Erscheinen einiger Bands (Haggard trafen erst kurz nach Mitternacht ein) und die geänderten Zeiten stark durcheinander geraten, wodurch die planmäßige Aufstellung gehörig durcheinanderwirbelt wurde. Dies sollte jedoch den guten Gesamteindruck der Veranstaltung keinesfalls schmälern. Mit Haggard und Die Apokalyptischen Reiter präsentierten sich zwei äußerst sympatische Hauptacts, bei denen der Spaß am Spielen im Vordergrund stand. Preise und Merchandising waren ebenfalls okay und auch die Lage des Ortes hatte man schon aus gesundheitlichen Gründen heraus günstig gewählt. Schade nur, dass viele Fans bereits in der Nacht des ersten Tages, nachdem Haggard ihren Gig absolviert hatten, abreisten.
Vom sozialen Standpunkt aus betrachtet, keine besonders löbliche Einstellung vieler Metal-Fans oder jener, die sich so zu schimpfen wagen, (traurige Parallelen hierzu, siehe 1. Himmel-Open-Air in Schauenburg/Hoof). Bei den Bands wäre dies zu verstehen gewesen, wenn sie beispielsweise am nächsten Tag irgendwo anders einen Auftritt hätten, sprich momentan zur Zeit on Tour befindlich sind. Vielleicht lag es möglicherweise auch am Ort der Veranstaltung, der sich ziemlich abgelegen am Wäldchen direkt an einem Bergsteiger- und Skitourismus-Camp befand. Eigentlich ein Fakt, der zu den positiven Aspekten zählt, da es keinen Anwohnerstress gab, womit ein unbegrenztes Zeitlimit zur Verfügung stand, das Platz für Zugaben ließ. Haggard spielten leider recht spät, etwa kurz nach 1:00 Uhr morgens, schon deshalb kamen die Fans noch in den Genuß des vollen 100 minütigen Sets, ohne befürchten zu müssen, dass der Gig aus zeitlichen Gründen abgebrochen würde. Vielleicht dachten auch manche Fans, dass Haggard ausgefallen wären und nicht spielen würden, weshalb sie es vorzogen, noch in der Nacht den Nachhauseweg per Auto anzutreten - naja, wie auch immer.
Soweit zur Vorschau und nun zum eigentlichen Bericht.

Burden Of Grief, 21.09.02

Burden Of Grief

Tat sich beim Auftitt der zuvor gesehenen Gothic/Dark-Metaller von Seasons In Black bis dato fast so gut wie nichts vor der Bühne, sollte sich dieser Zustand spätestens mit dem Auftritt der darauffolgenden nächsten Band ändern. Etwa mit einer halben Stunde Verspätung betrat der aus dem Raum Kassel kommende fünfköpfige Deathmetalfünfer Burden Of Grief kurz nach 18:15 Uhr vor Einbruch der Abenddämmerung die Bühne. Rechtzeitig zu Beginn des Sets hatten sich bereits einige Fans vor der Bühne eingefunden. Nach und nach kamen immer mehr hinzu, um einen Set zu bewundern, den man kurz und prägnant wie folgt beschreiben kann: technisch sauber, stellenweise mächtig groovig, arschtight und voll auf die Zwölf!
Gleich vom ersten Stück an brach ein gewaltig-brachiales Death-Metal-Gewitter über das erstaunte Publikum herein. Das Quintett legte los wie ein Berserker! Burden Of Grief stehen für technisch versierten Old Shool-Death-Metal mit klassischen Maiden-Einflüssen, der richtig schön deftig in den Allerwertesten tritt! Wer bei dieser Band lange ruhig stehen bleibt, ist selbst schuld. So sah es auch das Gros der vor der Bühne versammelten Fans, unter denen sich sogar einige Black-Metal-Fans befanden, die gleich von Beginn an ordentlich bangten was das Zeug hielt.
Nummern wie: Paradox Reality, Remind oder Frozen Pain verfehlten ihre Wirkung nicht, zumal der Sound nach leichten Anfangsschwierigkeiten während des ersten Stückes immer besser sprich fetter und klarer wurde. Es wurden keine Gefangenen gemacht! Die motivierten Fans quittierten den hohen Einsatz der Band mit verdienten Zugaberufen. Das etwa in der Mitte des Sets gebrachte Maiden-Coverstück Prowler wurde in einer derart heftigen Version gespielt, dass es eine wahre Freude bereitete die Mähne zu schütteln, bis die Pupillen zum Stillstand kommen!
Fazit: Ein guter Gig, der darauf hoffen läßt, Burden Of Grief bald auch wieder in unseren Breitengraden bewundern zu dürfen.

Die Apokalyptischen Reiter, 21.09.02

Die Apokalyptischen Reiter

Wer diese Band noch nie live gesehen hat, sollte es amtlicherweise nachholen. Subway To Sally, In Extremo-Fans und Metal-Fans diverser Stilrichtungen erfreuten sich gleichermaßen gemeinsam eines etwa gut 100 minütigen Auftritts, der es gewaltig in sich hatte: Schon bevor auch nur das erste Stück gespielt wurde, bildete sich ein großer Moshpit, vor der Bühne, der begeistert mitging. Während des Sets wurde auch kräftig abgepogt, dass kein Auge trocken bzw. niemand ruhig stehen blieb, während sich wiederum andere weiter hinten einfanden, es von dort aus ruhiger angehen zu lassen, um den Auftritt dieser einmaligen Band zu genießen. An diesem Abend befanden sich etwa 400 bis 500 Fans auf dem Platz und die hatten allen Grund zur Freude. Wer Die Apokalyptischen Reiter in Wacken nur etwa gut eine Dreiviertelstunde lang bewundern durfte, bekam sie an diesem Abend etwa von 20:30 bis 22:10 gleich in doppelter Spielzeit präsentiert!
Stücke wie: Unter der Asche, Erhelle meine Seele, Hate oder Last Hope brachten den Platz vor der Bühne fast zum bersten. Als man dann noch das Cover des 80er Jahre Hitparaden-Evergreens Dschingis Khan sowie die frenetisch besungene Hymne Metal Will Never Die zum Besten gab, befand sich die Stimmung auf dem Siedepunkt, was das gute Verhältnis zwischen Band und ausgelassen tanzenden Fans (die eine herrlich chaotische Megaparty feierten) doppelt unterstreicht, wobei sich die Spielfreude des Vierers, der gut und gern noch eine weitere Stunde auf der Bühne hätte stehen können, von Beginn an mit jedem einzelnen Ton auf's Publikum übertrug.
Gegen Ende des regulären Sets, als die lautstark von den Fans geforderten Zugaben gespielt wurden, rief die Band sogar dazu auf, die Bühne zu entern und mitzusingen. Das ließen sich viele Fans nicht zweimal sagen, und reihten sich prompt auf der Bühne ein, um gemeinsam mit den Musikern zu singen, und eine riesige Party zu starten, auf der das Bier in Strömen floß! Die darauf folgende Jamsession seitens Band und Fans bewies einmal mehr, dass Metalparties noch immer die besten sind, die es gibt.
Die Apokalyptischen Reiter sind, ähnlich wie ihr selbst gewählter Name einfach nur Kult, - Metalentertainment und Spaß in Reinkultur. J.B.O., Knorkator und Co. mögen zwar kommerziell weitaus stärker und erfolgreicher ausgelegt sein, doch in punkto Klasse und Eigenständigkeit sind die apokalyptischen Reiter um Lichtjahre besser als genannte Acts, wie dieser beeindruckende Set völlig zu Recht bewies!

Haggard, 21.09.02

Ähnlich wie Die Apokalyptischen Reiter ist auch diese Gruppe mittlerweile aus der Metal-Szene nicht mehr wegzudenken, wobei man im Falle Haggard vielleicht besser den Begriff »Ensemble« benutzen sollte. Wer sich über die schlechten Bedingungen in Wacken beim diesjährigen Haggard-Autritt ärgerte, hätte hier die Möglichkeit gehabt, Haggard gleich doppelt solang und sogar noch ein wenig länger zu bewundern!
Bei welcher Band kommt es schon einmal vor, dass sich Fans diverser Stilrichtungen wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, gemeinsam die Klinke in die Hand geben? Vielleicht noch bei Therion mit Orchester (siehe letztes Jahr auf dem W.O.A). Gothic, MA-Metal, Powermetal, Thrash, Deathmetal und Düsterheimer-Anhänger jeglicher Art bekamen etwas fürs Ohr geboten, zumal ein Haggard-Auftritt sich (ähnlich wie bei Therion mit Orchester) einfach mit nichts vergleichen läßt, was ihn umso wertvoller und einmaliger macht. Gleich zu beginn bedankte sich die Band für den zahlreichen Zuspruch, der ihr seitens des gemischten Publikums entgegengebracht wurde.
Stücke wie: The Day As Heaven Wept, A Pale Moon's Shadow, Lost Robin's Song oder Awakening The Centuries, The Final Victory zeigten die ganze Klasse des 16-köpfigen Ensembles, das selbst nach dem regulären Set noch minutenlang von den begeisterten Fans aufgefordert wurde, Zugaben zu bringen, wobei Sänger und Leadgitarrist Asis Nasseri die Ansage des Abends gelang als er sagte: »Wir können gar nichts mehr spielen, da wir bislang erst zwei Alben herausgebracht haben und nichts mehr haben, aber wenn ihr wollt, werden wir die Hälfte des Sets noch einmal von vorn beginnend für euch spielen!«.
Daraufhin gab es minutenlang anhaltenden kräftigen Applaus an die Adresse des sympathischen Sängers und der gesamten Band, welche diesen Auftritt sichtlich genoß, während manche Fans auch hinterher noch völlig aus dem Häuschen waren und trotz Müdigkeit und stimmlicher Entkräftung teilweise die Texte noch mitsangen und vor sich hin pfiffen, um sich anschließend auf den Weg zum Auto oder ins Zelt zum Schlafen zu begeben.

Vom zweiten Tag gibt es leider nicht allzuviel zu berichten, da die Festivalbeteiligung zu diesem Zeitpunkt leider nicht mehr sehr rege sondern nur noch recht dürftig war. Gruppen wie Encyclia, Seelenschmerz, Transmigration oder Atargatis spielten guten Gothic-Metal mit leichten Deathmetalgesang und viel Melodie, doch leider kamen nur ein paar wenige verbliebene Fans in den Genuß der Bands, die am meisten unter den schlechten Bedingungen des zweiten Tages leidend, sicher eine weitaus breitere Kulisse verdient hätten. Ein Highlight gab es zu meiner Freude tatsächlich auch am zweiten Tag des Metal gegen Krebs-Festivals, dessen Bericht an dieser Stelle nun umgehend folgt:

Gschtanzl Schwingas, 22.09.02

Gschtanzl Schwingas

Wahrlich ein seltsamer Name für eine Band, der schon beim ersten Mal Hören zum puren Ablachen einlädt, was bei dieser sechsköpfigen Klamauk-Truppe dann tatsächlich auch auf dem Programm stand: Parodien auf bekannte Rockstücke, die mit viel Witz und Engagement vorgetragen, für derbsten Lachmuskelkater sorgten. Wer diese Gruppe mal auf ein kleineres Festival einlädt, wird seine pure Freude haben, die recht jungen Burschen (deren Durchschnittsalter gerade mal 18 Lenze beträgt) haben ein äußerst abwechslungsreiches und hochinteressantes Programm zu bieten. Nicht nur in der Bugs-Bunny-Show sprüht der Witz und geht es rund, sondern auch bei den Gschtanzl Schwingas!
Spaß wurde bei dieser Kapelle großgeschrieben. Sich selbst ebenfalls oftmals mächtig auf die Schippe nehmend, sorgten die aus meiner Sicht unglücklich platzierten »Schwingas« gleich von Beginn an für eine angenehm lustige Stimmung, im begeisterten Publikum, die zu keinem Zeitpunkt abriß! Entertainment pur und in bestechender Form gaben die Jungs alles, um einen Witz, Gag, Possenreißer, Jux, Kracher und Lacher nach dem anderen zu bringen. Hätte man diese witzige Kapelle bereits am ersten Tag zur Unterhaltung spielen lassen, wären möglicherweise bereits am Nachmittag noch weitaus mehr Fans zur Bühne gepilgert, um der Dinge zu harren, die da noch kommen würden, Schade.
Diverse mitgebrachte Utensilien wie selbstgebastelte Engelsflügel, komische Hüte oder schräge Klamotten, die zur sichtbaren Untermalung des jeweiligen Stückes gehören, ließen das gesamte Programm der Truppe zur puren Gaudi werden! Die Pallette der vorgetragenen Stücke und Jux-Interpretationen reichte von Rock Marke Police (»So lonely«, das kurzerhand umgedichtet wurde), einer herrlichen New-Metal-Veräppelung oder dem Titellied aus der Zeichentrickserie »Wikkie ... und die starken Männer«, das in »Lukki« umgedichtet wurde. Sehr fein! Dass sie auch dem Death-Metal nicht abgeneigt sind, zeigten die »Schwingas« eindrucksvoll mit einer völlig abgedrehten, eigenen Interpretation des Hypocrisy-Klassikers Rosswell 47.
Lautstarke Zugaberufe seitens des Publikums bewiesen, dass die Gschtanzl Schwingas, die mir zunächst nur ein kräftiges Lachen abrangen, als ich diesen wahrlich umwerfend komischen Namen hörte, völlig zu Recht auf diesem Festival platziert waren und leider ebenfalls mit dem Nachteil klarkommen mussten, dass die Setlist quer durcheinander aufgestellt wurde und bereits am zweiten Tag kein hochkarätiges Zugpferd mehr spielte, was wohl auch die frühzeitige Abreise vieler Fans nach dem ersten Tag zur Folge hatte. Umso bravouröser lösten sie schließlich ihre Aufgabe.
Ein Mitglied der Schwingas liegt derzeit sogar noch, wie der Sänger bekannt gab, im Krankenhaus. Gute Besserung an dieser Stelle. Bleibt nur zu hoffen, dass man diese lustigen Burschen irgendwo mal auf einem kleineren Festival im Raum Hessen sichten kann. Schon der knuffige Name hält, was das Entertainment der Band verspricht: Widerstand ist zwecklos: Lachmuskelkater vorprogrammiert!

Abschließend sei noch folgendes festzuhalten: Der Eindruck eines tollen Konzert-Wochenendes bleibt trotzdem in guter Erinnerung; wobei anzumerken ist, dass solche Benefiz-Veranstaltungen schon vom sozialen Standpunkt aus betrachtet, einen weitaus größeren Zuspruch verdient haben, zumal man Bands wie die oben genannten eigentlich viel zu selten gemeinsam auf einem Konzert zu sehen bekommt. Rahmen und Ausrichtung stimmten, die Organisation hätte ein wenig besser sein können, doch ingesamt gesehen, fiel dieses Manko nicht so stark ins Gewicht, da es letzten Endes noch immer die Fans sind, die mit ihrem mehr oder weniger gezeigten Engagement entscheiden, was aus einer solchen Veranstaltung wird.

Toschi

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Interviews:

Interview: Burden Of Grief, 28.03.2004 Wir haben die Musik geschrieben, die uns gefällt und die wir selber auch hören wollen
Interview: Burden Of Grief, 22.10.2000 ... über Alf kam ich zum Metal ...
Interview: Burden Of Grief, 22.04.2007 Death End Road
Interview: Burden Of Grief, 01.12.2001 Ein Interview mal etwas anders!

CD/DVD-Reviews:

CD-Review: Burden Of Grief - Dead End Road
CD-Review: Burden Of Grief - Fields Of Salvation
CD-Review: Burden Of Grief - On Darker Trails
CD-Review: Haggard - Eppur Si Muove
CD-Review: Haggard - Awaking The Gods/Live In Mexico
CD-Review: Ludmilla Gschtanzl Schwingas - Oleg, Oleg, I muas aaf'n Abort
CD-Review: Ludmilla Gschtanzl Schwingas - Kürbis

Live-Reviews:

25.12.2008: 4. Masters Of Cassel-Festival (Kassel, Nachthallen)
26.12.2005: Masters Of Cassel-Festival (Kassel, Musiktheater)
11.10.2003: Art Of Darkness Festival (Scherfede, Waldhütte)
08.08.2003 bis 09.08.2003: Fun & Crust V (Höchstenbach)
11.07.2003 bis 12.07.2003: Rocktown Open Air 2003 (Bebra, Biberkampfbahn)
22.08.2002 bis 24.08.2002: Summer Breeze 2002 (Abtsgmünd)
01.12.2001: Meatgrinder, Rebellion, Burden Of Grief, The Atmosfear, Die Apocalyptischen Reiter (Jufi, Duderstadt)
15.09.2001: Art Of Darkness Festival (Waldhütte Scherfede)
03.09.2005: Metal For Mercy Festival (Bochum, Matrix)
18.08.2005 bis 20.08.2005: Summer Breeze 2005 (Abtsgmünd)
04.08.2007 bis 06.08.2007: 18. Wacken Open Air (Wacken)
15.10.2005: Remember Twilight, Haggard (Bad Salzungen, Kallewerk)
01.08.2002 bis 03.08.2002: Wacken Open Air 2002 (Wacken)


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