Live-Reviews

Rock Of Ages-Festival

28.07.2006 bis 29.07.2006, Seebronn

Nachdem wir gerade noch knapp einige Minuten des Auftritts von Glenn Huges am Sportplatz mitbekamen, beschlossen wir auf den für uns belanglosen Gig zu verzichten. Statt dessen zogen wir es vor, die wenige uns zur Verfügung stehende Zeit sogleich für eine etwas ausgiebigere Geländeerkundung zu nutzen, um anschließend genau rechtzeitig am frühen Abend zum Gotthart-Auftritt vor der Bühne zu stehen. Leider mißlang das Vorhaben etwas und wir fanden uns am frühen Abend mit knapp zehnminütiger Verspätung am Zielpunkt ein.

Gotthard (28.07.06)

Gotthard
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Gotthard hielten am ersten Festivaltag, was ihr guter Ruf versprach. Die Schweizer Band hatte großen Anteil daran, dass der erste Tag des Rock-Of-Ages-Festivals nach resonanzmäßig schwachem Beginn knapp gerettet wurde, womit sie ihre gute Platzierung als Co-Headliner im Rock-Of-Ages- Billing schließlich mehr als rechtfertigte.
Spielfreudig und mit Spaß an der Sache präsentierten sich die fünf Eidgenossen in bester Verfassung und brachten gewaltig Stimmung am frühen Abend ins anwesende Auditorium. Ihr bunt gemischter Set inklusive der unentbehrlichen Deep Purple-Coverversion »Hush«, sowie einer tollen Beatles-Coverversion des Uraltervergreens »Let It Be« und des Manfred Mann-Gassenhauers »Mighty Quinn« wusste standesgemäß zu überzeugen.
Sänger Steven Lee, der ständig in Bewegung blieb, pushte das Publikum mit lockeren Sprüchen, Gitarrist Leo Leoni brillierte mit tollen Soli, womit so allmählich das Interesse des R.O.A.-Publikums geweckt schien. Weitere Gotthard-Kracher hießen: »Mountain Mama«, »Sister Moon«, »Top Of The World«, »One Live, One Soul«, »Said And Done« usw.
Damit war die Stimmung für den Hauptact entfacht und das Publikum bereit für den Abtritt einer echten Rock 'n' Roll Legende. Spätestens im Laufe des Gotthard-Sets wurde es auf dem Gelände jetzt noch mal so richtig proppevoll. Die Vorfreude auf den unbestrittenen Festival-Headliner stieg merklich spürbar an ... - kein Wunder, wenn die Band des Abends Twisted Sister heißt und in Balingen ihren laut persönlicher Ankündigung von Mr. Dee Snider letzten Einzeltourauftritt in Deutschland nach dreißig Jahren, in denen die Band alle Karrierehighlights and Lowlights des Rock 'n' Roller-Lebens durchlief, absolviert, um sich ein allerletztes Mal in Würde von ihren treuen Fans verabschiedend, die Bretter der Bühnen für immer zu verlassen. Nachholbedürftige können die »Verdrehten Schwestern« künftig vielleicht noch auf dem ein oder anderen Festival bewundern. Diese vage Hoffnung liegt allenthalben, - wenn überhaupt - im Reich der Spekulation. Hello, we ain't gonna take it ... Toschi

Twisted Sister (28.07.06)

Twisted Sister
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Um kurz vor 21 Uhr sollte es dann endlich soweit sein. Die Luft war zum Zerreißen gespannt. Alles wartete auf den unumstrittenen Headliner des R.O.A-Festivals: Die Hardrock-Legende Twisted Sister! Dementsprechend viele Menschen fanden sich nun auf dem Platz ein, die Reihen füllten sich, das Stimmungsbarometer kletterte nach oben. Fast keiner wollte sich dieses große Spektakel entgehen lassen. Als das unverzichtbare AC/DC-Intro »It's A Long Way To The Top, If You Wanna Rock 'n' Roll« einsetzte, das zu jeder Twisted Sister Show gehört, wie die Butter auf's Brot, war es endlich soweit und damit amtlich: Twisted Sister gaben ihr allerletztes Deutschland-Konzert und das in richtig geiler Club-Atmosphäre!
Leichter Regen und Windböen setzten ein, als Dee Snyder und seine Mannschaft zum Abschlußgig auf die Bühne kamen. Das gesamte Auditorium tobte von Beginn an: Kein Wunder, Twisted Sister waren definitiv die Band des BYH und im Nachhinein gesehen auch des Rock-Of-Ages-Festivals! Vergleichbarerweise kraftvoller, tighter und grooviger wie Twisted Sister rockt kaum eine Band die Bühnen.
Diesen letzten Twisted Sister-Auftritt in Seebronn als brilliant zu beschreiben, gleicht beinahe einer Untertreibung. Spielfreudig und mit jeder Menge Pfeffer unterm Hut gingen Dee Snider, Jay Jay French, Eddie Ojeda, Mark Mendoza und A.J. Pero ans Werk, das einem reihenweise seelige Erinnerungen und eiskalte Schauer über den Rücken liefen. Wer diese grundsolide Band nicht liebt, ist selber Schuld! Als ein Fan während des Gigs den überhaupt nicht so recht ins Bild passen wollenden, widerlich orangen Jägermeisterhut auf die Bühne warf - meinte Mr. Snyder, während er sich das grottenhäßliche Ding auf's Haupt setzte, nur trocken: »That's not Rock 'n' Roll, that's stupid«, (womit er völlig Recht behielt, das ist kein Rock 'n' Roll, das ist dumm!) den beknackten Hut zurück ins Publikum warf und obendrein noch fetten Applaus dafür erntete. - That's Rock 'n' Roll! Verständlich. Orangefarbene Jägermeisterhüte passen genauso wenig zu Twisted Sister, wie Britney Spears oder Eminem auf's RockHard-Festival in Gelsenkirchen. Besser war da schon das rosa Kindermützchen eines Fans gewählt, das auch farblich eher zum rosa/schwarzen Outfit der »verdrehten Schwestern« passte. Diese Geste wurde sogar vom Maestro selbst mit einem lockeren Lächeln quittiert.
Die Setlist von Dee und seiner Truppe hätte traumhafter nicht sein können: »Come Out And Play«, »The Kids Are Back«, »You Can't Stop Rock 'n' Roll«, »The Beast«, »Knive In The Back«, »Under The Blade«, »The Fire Still Burns«, »Shoot em Down«, »I Wanna Rock«, »We're Gonna Make It«, »I Believe In Rock 'n' Roll«, »I Am, I'm Me«, »The Price«, »Burn In Hell«, »We're Not Gonna Take It«, »It's Only Rock 'n' Roll, But I Like It«, »Tear And Loose« und »Sick Mother Fucker (S.M.F.)« hießen die insgesamt achtzehn Hardrock-Hymnen, mit denen die treue Die-Hard-Fraktion verwöhnt wurde.
Statt »Tear And Loose« hätten Twisted Sister vielleicht noch »Don't Let Me Down« (eine der besten Twisted Sister Hymnen) bringen können, ansonsten war dieser Abschluß in allen Belangen einer wahren Legende würdig und definitiv: B r i l l i a n t ! ! !
Der furiose Schlußauftritt der Band auf dem Rock-Of-Ages-Festival hat sehr deutlich gezeigt: Twisted Sister sind bzw. waren der Inbegriff des Rock 'n' Roll! Kurz vor dem Uriah Heep Auftritt kündigte Dee Snyder in Person durchs Mikro an, dass dieser Auftritt wohl der letzte Twisted Sister-Gig in Deutschland gewesen ist und nach dreißig Jahren endgültig Schluß mit dem Touren sei. Anschließend nach dem Set besorgten wir uns sogleich noch das unumgängliche, weil einfach wunderschön aufgemachte Erinnerungsshirt an eine der größten, besten, ehrlichsten und sympathischsten Hardrockformationen aller Zeiten. Schade, dass Dee Snyder und seine »verdrehten Schwestern« nach immerhin dreißig Jahren Bühnenpräsenz das Feld räumen und somit eine Riesenlücke im Hardrockbereich hinterlassen.
Wer soll diese geniale Hardrockband ersetzen? Jetzt gibt es nur noch AC/DC, WASP und Motörhead ... Toschi

Andy Scott's Sweet (29.07.06)

Andy Scott's Sweet
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Andy Scott's Sweet (ehemals The Sweet), rissen am Nachmittag nur die Hälfte des anwesenden Publikums mit. Ob's an der Hitze oder daran lag, dass manch jüngerem Zuschauer (öhem ...) des Öfteren beim Mitgröhlpart entweder die Spucke wegblieb oder die extrem heißen Temperaturen den Gästen größere Schwierigkeiten bereiteten? Vielleicht lag's auch an den zwischenzeitlichen Problemen, die den Gitarrensound streckenweise auf's Minimum reduzierten, der Sound war des öfteren ungleichmäßig.
An der Songauswahl gab's jedenfalls kaum etwas auszusetzen. »Little Willy«, »Teenage Rampage«, »Love Is Like Oxygen«, »Fox On The Run« usw. sind allesamt Songs, zu denen selbst die Geschwister deiner Enkelsenkelkinder noch im Schlaf mitschunkeln können.
Zweifellos Nostalgie pur! Gitarrist Andy Scott und seine Truppe gingen bestens motiviert auf die Bühne und gaben wie immer alles. Doch der Funke sprang nur teilweise auf's Publikum über. Leider hat's an diesem Tag irgendwie auch nicht zu mehr gereicht. Als kurz vor Schluß von der Bühne laut ins Gehör dringendes Sirenengeheul ertönte, war klar, welches Stück nun kommen sollte: »Blockbuster!« Das würdige Ende eines songauswahltechnisch soliden Gigs.
»Ballroom Blitz« hieß schließlich die vom Gros des anwesenden Zuschauervölkchens lautstark geforderte Zugabe;- jene Hymne, die auch in meinen pubertären Teeniejahren und schon zahlreiche Generationen davor den wilden Pogotanz prägte und revolutionierte.»It's, it's Ballroom Blitz, it's it's Ballroom Blitz ... it's it's Ballroom Blitz, Yeah!, - It's a Ballroom Blitz!«
Als The Sweet gegen Ende ihres Sets vom R.O.A.-Publikum mit höflichem Applaus verabschiedet wurden, konnten die vier englischen Glamrocker zumindest mit sich und der Welt zumindest einigermaßen zufrieden sein.
Danach gönnte ich mir in aller Schnelle die längst überfällige Currywurst mit Pommes! Schade, dass wir Ufo am Abend verpassten, doch auch der Hunger will gestillt werden, schließlich stand uns mit der altehrwürdigen, englischen Hardrockinstitution Uriah Heep das Highlight des zweiten Tages des R.O.A.-Festivals zu später Abendstunde noch bevor. Toschi

Uriah Heep (29.07.06)

Uriah Heep
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Sechsunddreißig Jahre und überhaupt kein bisschen weise, geschweige denn, gar leise? Der heimliche Headliner des zweiten Tages hieß Uriah Heep. Richtig gut abrockend, brannte die englische Hardrocklegende, die zusammen mit Deep Purple, Black Sabbath und Led Zeppelin zu den »Großen Vier« des Hardrocks gezählt wird, ein grandioses Feuerwerk bestehend aus diversen Klassikern ab.
Die knapp anderthalb Stunden vergingen beinahe wie im Fluge: Evergreens Marke: »The Wizard«, »Free Me«, »Gypsy Queen«, »Stealin'« etc., brachten Uriah Heep die Menge vor der Bühne zum Toben. So manchem Nostalgiker liefen säckeweise Kullertränen in die Augen. Was waren das für Zeiten als der Hardrock (noch) in seinen Kinderschuhen steckte.
Schön, dass Mick Box bis heute die Sechssaitige bedient. Es war eine Augenweide, den als einziges Urmitglied der Band verbliebenen Mann an der Gitarre zu erleben. Derart sicher, heavy und gefühlvoll wie er lässt selbst heute kaum ein moderner Hard 'n' Heavy Gitarrist die Klampfe kreischen. Mit ihrer tollen Performance riss die Band das Publikum auf dem großen Seebronner Sportplatz gnadenlos mit! Jede Menge Beifall und die Ankündigung des Autogrammtermins von Dee Snyder vor dem Uriah Heep-Gig bestätigten mein Gefühl, dass es ein richtig geiler Abend werden würde, obwohl die vermeintlichen Headliner Saga (deren oft zu sehr im Vordergrund stehendes, grausam abgemischtes Keyboardgeschwurbel mir doch ein wenig auf den Zeiger ging), wirklich nicht das gelbe vom Ei gewesen sind. Sänger Bernie Shaw gelang es durch seine große Erfahrung ohne Mühe Reaktionen im Publikum zu wecken. Phil Lanzons Hammond-Orgelspiel (wunderschön, dass es noch jemand versteht, dieses kultige Instrument Tasten technisch zu beherrschen!) verlieh dem ganzen Auftritt richtig urig-kultiges Flair.
Überhaupt wirkte die gesamte Truppe sehr eingespielt. Lee Kerslake hinterm Drumkit und Trevor Bolder am Bass legten das sichere Grundgerüst aller Songs. Authentischer und originaler geht's wirklich nicht mehr! Zwei der besten Uriah Heep-Klassiker, - echte Uriah Heep-Fans, wissen eh, was jetzt kommt (jaaa, »Easy Livin'« und »Lady In Black« sind gemeint), beendeten den traumhaften Set einer Band, die innerhalb ihrer von zahlreichen Höhen und Tiefen geprägten Karriere bis heute so viele Line up-Wechsel überstanden hat, wie keine andere und immer noch zeitlos kultigen mit jeder Note knackigen, Hardrock spielt, wie ihn die mittlerweile extrem stark bluesbefrachteten Deep Purple schon lange nicht mehr bringen. Wahre Legenden sind eben unverwüstlich! Toschi

Festivalnachwort:

Im Nachhinein bleibt festzuhalten, dass Seebronn sich wunderbar als Festivalgelände für das BYH-Schwesterfestival eignete. Die friedliche und lockere Festivalatmosphäre, die humanen Preise und das trotz längerer Waldwege einsehbare Gelände gefielen alles in allem gut.
Vor allem die gesunde Waldluft und der Umstand, dass sich in unmittelbarer Nähe zum Campingplatz Toiletten, Wasserhähne und Duschen befanden, wertet dieses fanfreundliche Festival gewaltig auf. Das Angebot auf der Händlermeile konnte sich durchaus sehen lassen. Der (wenn auch nur ab und an) mal geöffnete Würstchengrill, der Bierpilz am Eingang zum Campingplatz sowie ein kleine Verpflegungszelt, das Eierspätzle und Getränke anbot, gehörten ebenfalls zu den positiven Seiten eines Festivals, wie es schöner nicht hätte organisiert sein können.
Die einheimischen Bewohner von Seebronn waren ausgesprochen freundlich und hilfsbereit. Insgesamt ein tolles Festival mit geringfügigem Zwischenfall: Danach sollten Zigaretten-Werbezelte der Marke »Gizeh« im nächsten Jahr nicht mehr unbeaufsichtigt über den Platz fliegen und dabei unbescholtene Fans, denen sie ganz ohne Vorwarnung mit Karacho auf die Rübe knallen ins Wanken bringen, doch das ist eine andere Geschichte ...
Soweit mir bekannt, wird auch im nächsten Jahr ein Rock-Of-Ages-Festival in Seebronn stattfinden. Sofern uns die Bandauswahl zusagt, werden wir uns auch wieder dort hin begeben, um gemeinsam mit diversen Generationen die Rock-Of-Ages-Party zu feiern! Toschi und Rike

Toschi

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CD/DVD-Reviews:

CD-Review: Gotthard - One Team One Spirit-The Very Best
CD-Review: Twisted Sister - Still Hungry

Live-Reviews:

10.07.2004: 2. Schönbuch Open Air (Ammerbuch-Altingen)
04.08.2007 bis 06.08.2007: 18. Wacken Open Air (Wacken)
24.06.2005 bis 25.06.2005: Bang Your Head-Festival (Balingen)
31.07.2003 bis 02.08.2003: 14. Wacken Open Air (Wacken)


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