Interviews

Irate Architect (12.04.2008)

Tote Damen in muffigen Leichenhallen?!

Die Nordlichter von Irate Architect klingen auf ihrem ersten Album »Visitors« so gar nicht deutsch, liefern sie doch allerfeinsten, durchgeknallten US Death Grind ab, der allen Relapse Records Fans das Wasser im Munde bzw. das Blut in den Ohren zusammenlaufen lassen sollte. Irate Architect sind eine saustarke, mehr oder minder »brandneue« Hamburger Trümmercombo, die dringlichst euer Gehört verlangt! Zu aller Freude gaben sich die Hamburger derart bodenständig, Underground-verwachsen und ehrlich im Interview, dass ich die Burschen sicherlich nicht das letzte Mal befragt habe. Viel Spass beim Lesen!

Dirk: Irate Architect war mir bereits vor der aktuellen CD ein Name und Begriff, man kann sagen, dass euch seit einiger Zeit ein guter Ruf vorauseilt, obgleich ihr bisher erst eine Veröffentlichung euer Eigen nennt. Auch wenn euch die Frage sicherlich nervt, komme ich nicht umhin euch zu bitten, noch ein bisschen was zu eurer History und Bio zu erzählen, da die Infos auf eurer Homepage ja eher kryptisch dazu sind!

Moin Dirk! Angefangen hat alles bei einer Session bei mir im Studio. Ich hab Philipp spontan gefragt ob er Lust und Zeit hat mit mir einen Song für einen Sampler zu schreiben und zu recorden. Er kam vorbei und wir haben in ca. drei Stunden »Timber Processing« geschrieben und am selben Abend noch aufgenommen. Der Song ist auch neu eingespielt auf »Visitors« zu hören. Uns wurde sehr schnell klar, dass wir mehr daraus machen wollen und fingen bald an, regelmäßig zu proben. Wir haben dann in Musikmagazinen nach Bassist und Sänger gesucht worauf sich Asgard meldete und unser Bassist wurde. Er brachte dann irgendwann Christoph mit, mit dem er bei »Into Oblivion« gespielt hat. Und wir haben ihn dann auch kurz darauf eingestellt. Wir nahmen die »Born Blood Portrait« Maxi auf, haben viel live gespielt und ständig neue Songs geschrieben bis wir die besten Ergebnisse zusammengefasst haben welche uns jetzt als »Visitors« in Album Form vorliegen.

Ihr klingt sehr undeutsch und eher typisch amerikanisch, was das hohe, technische Death Metal Niveau betrifft. War vielleicht genau das der Grund, dass ihr einen Deal bekommen habt? Deutsche Bands haben es ja vergleichsweise extrem schwer einen Deal zu bekommen. Warum ihr nicht und was zur Hölle muss man in diesem Land alles tun um an einen Deal zu kommen!?

Man kann wirklich nicht behaupten, dass wir keine Probleme bei der Labelfindung hatten, ganz im Gegenteil. Wir haben sehr viel Promo Zeug verteilt und viele Labels und Leute angesprochen. Aber das war absolut für'n Arsch! Bis wir bei »War Anthem Records« gelandet sind hatten wir dann doch drei Angebote von recht attraktiven Firmen, die meist durch Zufall ganz von selbst mal anklopften. Es gibt in Deutschland einige verdammt gute Bands die leider von internationalen Labels, Veranstaltern, Mags etc. böse ignoriert werden. Keine Ahnung warum. Die Labels haben aber wenigstens gecheckt, dass es in z.B. Polen, Russland, Tschechien und die Ecke richtige Juwelen zu finden gibt. Man kann also noch hoffen.

Wo zur Hölle habt ihr als »junge« Band einen derart brutalen und hochklassigen Sound zusammengezimmert bekommen? Wart ihr lange im Studio? Waren alle Songs vorher komplett ausgearbeitet oder sind viele Sachen erst dort entstanden?

Die komplette Produktion haben wir wieder bei mir im 3rd. A Studio gemacht. Die Songs waren alle bis ins Detail geplant und mussten nur noch aufgenommen werden. Bei einigen Bass und Vocal Parts haben wir experimentiert aber so richtig spontane Ideen wurden kaum recordet. Wir haben ca. 17 Tage aufgenommen, effektiv ca. sieben Tage gemixt und zwei Mal gemastert, was sich alles über 2,5 Monate hinstreckte. Das war eine wirklich anstrengende, intensive Zeit und obwohl wir im eigenen Studio produziert haben und das ganze entspannt hätten angehen können, wurde sehr konzentriert und diszipliniert gearbeitet und nach Zeitplan vorgegangen.

Ihr werdet als »moderner Death Metal« beworben, obgleich ihr in meinen Augen viele »klassische« Elemente, z.B. von Cannibal Corpse besitzt. Worin besteht in euren Augen das »moderne«, das euer Sound mit sich bringt? Worin liegen die Unterschiede zum Vorgängeralbum?

Unser Riffing und unsere Art verschiedene Elemente miteinander zu verbinden würde ich als modern bezeichnen. Das alles hat auch durchaus traditionelle Ansätze aber ich würde uns nie als Old School bezeichnen.
Die größten Unterschiede von »Visitors« zur »Born Blood Portrait« sind sicher der Sound und das Songwriting. Der Album Sound ist sehr viel mehr Death Metal und auf der Maxi ist mehr Grind enthalten würde ich sagen. Von einigen Leuten hab ich schon gehört, dass die Songs von der Maxi recht technisch empfunden werden und die Album Songs, obwohl sie eine ganze Ecke komplexer sind, kompakter und zugänglicher wirken. Auf jeden Fall hat sich unsere Art Songs zu schreiben in den letzten drei Jahren weiterentwickelt und verändert.

Bei der Gelegenheit: Welche Truppen landen denn so in euren CD Playern und welche Bands könnten durchaus als »Einfluss« für euch durchgehen?

Also ich persönlich stehe sehr auf diesen ganzen Brutal Death Style wie Origin, Hour Of Penance, Odious Mortem, Dercrepit Birth, Gorgasm, Emeth, Guttural Secrete, Savered Savior, Visceral Bleeding etc. Ich kann aber auch sehr gut auf King Diamond, Symphony X oder alte Gamma Ray. Da ich großer Musik Fan bin, beeinflusst mich sicher vieles von dem was ich höre aber die wichtigsten Einflüsse waren gerade früher als ich anfing in Bands zu spielen Napalm Death, Slayer, Bolt Thrower, Brutal Truth, Fear Factory und Cannibal Corpse.

In welchen früheren Bands habt ihr bisher Erfahrungen sammeln können? Habt ihr noch Nebenprojekte?

Wir haben alle in so einigen Bands vor Irate Architect gespielt wovon aber keine einen wirklich großen Sprung gemacht hat. Jeder von uns hat neben Irate noch was am Laufen. Philipp spielt noch bei »Der Faustmörder«, Kai spielt bei »Ravage Inc«, Christoph bei »Nayled« und ich habe noch »Corporectomy«.

Rückblickend auf eure relativ kurze History: Welche drei Momente sind euch warum als die tollsten oder wichtigsten/persönlichsten in Erinnerung geblieben?

Die grundsätzlich schönsten Momente sind immer die, in denen du das erste Mal ein neues Release frisch aus dem Presswerk in der Hand hältst. Mit einem Mal ist die ganze Arbeit, der Stress und das ausgegebene Geld vergessen und es hat sich gelohnt. Von diesen Momenten hatten wir jetzt zwei. Und ein weiterer Wichtiger war sicherlich das erste Treffen mit Morbid Records in Wacken letztes Jahr, als sie das Angebot machten, die Platte raus zu bringen und sich in Zukunft um die Band zu kümmern. Daraus wurde zwar letztendlich nix, aber der Moment war klasse. Und natürlich der Abend als wir Kai wieder entlassen wollten und er aber einfach da blieb.
Ein Jahr nachdem wir uns von Asgard getrennt hatten, lernten wir Kai kennen. Er ist eigentlich ein hervorragender Gitarrist und wollte absolut nicht Bass spielen. Aber nachdem wir einige Male mit ihm als zweiten Gitarristen geprobt hatten, sagten wir ihm, dass wir keine zweite Gitarre brauchen und für ihn als Gitarristen leider keine Verwendung hätten und er meinte, dass er es am Bass versuchen möchte, weil er aus musikalisch und persönlichen Gründen gerne bei Irate bleiben würde. Nach zwei Jahren Bassisten Ärger war das Gefühl, komplett zu sein wieder da. Das war ziemlich geil!

Ihr habt nur einen Gitarristen im Line Up. Ist eure Scheibe so live überhaupt umsetzbar oder benötigt ihr da Verstärkung? Wie wichtig sind euch Liveauftritte überhaupt und wie waren bisher die Reaktionen auf euren mörderischen Breitwandsound?

Ausnahmslos alle Songs sind so wie sie auf den Platten sind mit unserer 4er Besetzung live spielbar. Wir sind immer sehr gerne live unterwegs und proben uns auch für das kleinste Keller Konzert die Hände blutig. Uns ist es extrem wichtig, die Songs so tight wie auf Platte auch live zu spielen. Es gab schon einige Shows bei denen man echte Rockstar Gefühle bekam und es gab Shows bei denen man sich etwas fehl am Platze fühlte. Das ist immer abhängig vom Geschmack und der Laune des Publikums aber grundsätzlich sind die Reaktionen immer sehr positiv. Was uns noch fehlt ist ein fester Tonmann, der live immer dabei ist und unseren Sound genau kennt. Es ist ja so wichtig live gut zu klingen!

Was können die Fans von euch eigentlich beim anstehenden Party San Festival erwarten? Seid ihr dort selbst mal als »gewöhnliche« Fans gewesen?

Also erstmal gibt's volles Pfund Irate Architect um die Ohren gehauen und dann stehen wir für ausgedehnte Party Arbeit zur Verfügung. Wir freuen uns schon sehr auf das Festival und waren auch schon als Gäste vor Ort.

Welche weiteren Schritte können wir von euch erwarten, welche Pläne stehen an? Touren? Träume von gemeinsamen Konzerten mit XY?

Zurzeit sind wir noch dabei mit Kai das Live-Set zu proben und wenn das sitzt werden neue Songs gemacht. Wir haben schon tonnenweise neues Material am Start was schnellstens arrangiert werden will. Ein paar neue Songs wollen wir dann auf eine Split 10" mit unseren Freunden von »Yacöpsae« raus bringen und am Ende des Jahres ein neues Album aufnehmen. Momentan booken wir einzelne Shows und hoffen im Herbst auf größere Tour gehen zu können aber da ist noch nichts spruchreif. Ich persönlich würde ja gerne mal mit meinen Helden Napalm Death auf Tour gehen. Gespielt haben wir schon mit den Herren aber eine Tour wäre natürlich großartig.

Ich drücke euch die Daumen! Seid ihr denn mit der bisherigen Arbeit durch die relativ neuen War Anthem Records zufrieden? Ein langfristiges Ziel könnte doch durchaus sein, einmal bei Relapse oder so als deutsche und legitime Necrophagist Nachfolger zu landen?!

Bis jetzt klappt die Zusammenarbeit mit War Anthem Rec sehr gut und wir sind absolut optimistisch. Ich finde auch den Gedanken reizvoller mit einem verhältnismäßig kleinen Label zusammenzuarbeiten, bei dem du jederzeit persönlichen Kontakt hast und man sich ernsthaft mit dir beschäftigt als mit einer fetten Company einen dreißigseitigen Scheißvertrag zu haben und heftig draufzahlen zu müssen. Damit will ich nicht sagen, dass Relapse so was anbieten, aber es gibt genügend Negativbeispiele bei allen Majors. Wir haben es derzeit lieber übersichtlich und fair.

Könnt ihr noch mal, ums bloß nicht zu vergessen, ganz kurz auf euer lyrisches Konzept eingehen?

Ein lyrisches Konzept gibt es bei uns nicht. Die Texte sind alle voneinander unabhängige, meist absurde, morbide und abstrakte Geschichten, deren Ursprung und Sinn wohl nur in den tiefsten Tiefen von Christophs Gehirn zu finden sind. Da geht's um befremdliche skurrile Liebesgeschichten über psychische Selbstvernichtung bis hin zu necrophilen Jünglingen, die sich an toten Damen in muffigen Leichenhallen vergehen.

Ääääh, öh, aha … In welchem Zusammenhang stehen Text, Cover und Titel eurer neuen Scheibe? Wer hat das Artwork angefertigt?

Das Artwork steht in keinem direkten Zusammenhang mit den Texten. Es soll vielmehr die Atmosphäre des Albums optisch darstellen und unterstützen was es meiner Meinung nach perfekt tut. Und das Ganze wurde von Thomas Meldgaard, einem dänischen Illustrator kreiert, von Christoph zusammengestellt und mit Karim von »Lärmbelästigung« umgesetzt.

Muss man als Band wie ihr über die derzeitigen Umbrüche auf dem CD Markt eher besorgt sein oder bringt euch das Internet und das Medium MP3 doch mehr Vorteile als Nachteile?

Für uns bringt das Internet nur Vorteile mit sich. Ohne MP3s wären sehr viel weniger Leute mit unserem Stoff versorgt und hätten uns wohl auch kaum kennengelernt. Wir wollen, dass unsere Musik gehört wird und das Internet ist eine gute Quelle dafür. Es gibt noch genug Leute, die auf das Gesamtwerk Wert legen und sich die Platten holen, da mach ich mir gar keine Gedanken. Und wenn am Ende wirklich gar keiner deine Platten haben will, hast du einfach eine Scheißband.

Wie ist es bei euch um die lokale Metal Szene in Hamburg bestellt?

Wir haben hier in Hamburg eine ganz gesunde Szene und ein paar gute Locations, wo sehr regelmäßig Konzerte jeder Art und Größe stattfinden. Absolut gute Vorrausetzung um sich als Metaller hier wohl zu fühlen. Ich glaube auch das die Arroganz, die dem Hamburger Publikum immer nachgesagt wurde, stark nachgelassen hat und die Leute nicht mehr so den Stock im Arsch haben.

Kommen aus eurem näheren Umfeld weitere tolle Bands, die man kennen muss?

Es gibt hier einige gute Bands in Hamburg. Im Verhältnis zur Größe der Stadt allerdings eher wenige. Besonders erwähnenswert finde ich persönlich Infested, Sufferage, Yacöpsae, Time Has Come, Devastator, Ophis und Negator. Super Bands und klasse Leute.

Letzte Worte gehören euch!

Da ich letzte Worte nicht leiden kann, ende ich hier mit philosophischem Schweigen. Denn wer mein Schweigen nicht versteht, versteht auch meine Worte nicht. Danke für das Interesse an Irate Architect und bis bald.

Dirk

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CD-Reviews:

CD-Review: Irate Architect - Born Blood Portrait
CD-Review: Irate Architect - Visitors

Live-Reviews:

07.08.2008 bis 09.08.2008: Party San Open Air (Bad Berka)


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