Interviews

Tanzwut (06.05.2006)

Keinen Bock auf Ritterrock

Frank: Ihr habt ja gerade eine neue CD rausgebracht. Wie wahren die ersten Reaktionen des Publikums darauf?

Teufel: Ziemlich positiv. Wir haben jetzt schon drei Gigs gemacht. Wir haben Walpurgisnacht auf der Neuenburg gespielt, die erste Show vor dreitausend Leuten. Das war dann schon ein bisschen mit Lampenfieber verbunden und solchen Sachen.
Berlin, gestern Glauchau, war wunderbar. Ich bin mal gespannt wies heute wird, in Bad Salzungen. Ja, und die Leute gehen ab. Schweißgebadete Menschenmassen.

Frank: Gut. Auf die Gefahr hin, mich in die Nesseln zu setzten. Ich war ein bisschen enttäuscht von dem Album. Die erste CD von »Schattenreiter« hat sich doch deutlich gewandelt zu den älteren Alben.

Ja, das ist aber doch bei allen unseren Alben so. Die Erste ist anders als die Zweite, die Zweite ist anders als die Dritte ...

Frank: Ja, aber ihr habt euch doch deutlich weiter entfernt. Ihr seid deutlich härter geworden. Die zweite CD von »Schattenreiter« ist schon eher was ich erwartet hätte. Bei der ersten sind eben deutlich weniger Mittelaltereinflüsse.

Ach so, jetzt versteh ich erst mal was du meinst. Mittelaltereinflüsse, also das hat mir ja noch gar keiner gesagt, das ist was ganz neues für mich. Also, ich glaube mit Mittelalter hat das Ganze sowiso nischt mehr zu tun, außer dass da Dudelsäcke drauf sind. Und das haben wir eigentlich von Anfang an schon so gemacht, auch wenn das wenig mit Mittelalter zu tun hat, denn dafür haben wir unser Projekt Corvus Corax, und das Andere ist eigentlich nur Rock 'n' Roll mit Dudelsäcken. Industrial. Du bist also ein Mittelalter Fan?

Frank: Nicht unbedingt. Ich kann mich mit sehr vielem Identifizieren.Ich mag auch Mittelaltersachen, ich mag aber auch irgendwelches Geknüppel und solche Sachen, es irgendwas für mich haben.

Für mich ist das anstrengend mit diesem ganzen Mittelalterzeug und so. Ich brauch kein Mittelalter, Mittelalter ist, wo ne gewisse Musik gespielt wurde und das wurde irgendwann mal aufgegriffen und wir haben mit Corvus Corax im Grunde genommen im Osten angefangen mittelalterliche Musik zu machen, aber das, was da jetzt abläuft, das hat nichts mit Mittelalter zu tun, außer dass da vielleicht ein paar Dudelsäcke dabei sind. Mittlerweile ist es schon so weit gekommen, dass Leute kommen; so, an sich ist das gut das Stück, aber da ist ja gar kein Dudelsack dabei, was ist denn das für'n Scheiß, ha, ha.

Frank: Ja , aber es ist ja doch irgendwie ein Markenzeichen gewesen.

Ja, es sind ja auch Dudelsäcke dabei, aber wir hätten die Musik auch gut und gerne ohne Dudelsäcke machen können. Also die würde auch ohne Dudelsäcke überleben, denke ich, und das ist eigentlich das Wichtige an der ganzen Sache. Nicht dass Dudelsäcke zur Pflichtveranstaltung werden. Nur weil man irgendwann mal mit nem Dudelsack angefangen hat, und auf einmal dudelt in jeder dritten Combo nen Dudelsack herum. Also, das geht eigentlich der ganzen Combo komplett auf den Senkel. Ha, ha, da hast du jetzt voll reingebohrt. Wo mir gleich der Kragen platzt. Keinen Bock auf Ritterrock kannste oben drauf schreiben. Ha, ha, ha ...

Frank: Wie entstehen die Songs denn überhaupt?

Wir gehen bei uns in den Proberaum, fangen an zu spielen und die Texte schreibe ich halt unterwegs. Überall schreibe ich irgendwelche Sachen auf, die mir einfallen. Irgendwas, was einem auf den Keks geht, da schreibt man mal drüber. Was einem nicht auf den Keks geht, was man gut findet kann man auch mit einflechten. Psychologische Sachen bauen wir da mit ein, aber grundsätzlich entstehen bei uns die Songs im Proberaum und da wird gespielt, gemacht und getan. Für uns ist ein Song dann gut, wenn er auch auf der normalen Gitarre gespielt werden kann. Wenn man sich da so hinsetzen kann und das funktioniert, dann ist das schon mal gut. Es ist doof wenn man tausende von Effekten braucht, nur damit ein Song funktioniert.

Frank: Wie schafft ihr das mit der Differenzierung zwischen Tanzwut und Corvus Corax? Wie lässt sich das unter einen Hut bringen? Gab es das mal, dass ihr an einem Wochenende auf einem Festival mit beiden Bands gespielt habt?

Das haben wir auch schon mal gehabt. Das lässt sich ja im Grunde nicht vermeiden, wenn man dann mal ein Engagement hat oder weil man sowieso in der Stadt ist. Was ich jetzt ein bisschen stressig finde ist, wir haben jetzt einen Gig mit Tanzwut, Corvus Corax und mit Cantus Buranus, unserem Orchesterprojekt. Da stößt man dann schon so langsam an die Grenze, also wo man dann sagt, OK. Man muss sich halt dreimal umstellen und muss natürlich vier oder fünf Stunden Musik auswendig im Kopf haben.

Frank: Ihr habt ja inzwischen ein eigenes Label mit dem ihr eure Musik vermarktet. Wie kam es dazu?

Seit vier Jahren haben wir das schon. Irgendwann haben wir mal festgestellt, dass es für uns eigentlich überhaupt nicht nötig ist einen Major zu haben, dass das eigentlich nur behindert weil man fünfzig Leute fragen muss, damit man an der und der Stelle dann angelangt ist. Dann muss die Band das auch noch ausdiskutierenc...cdas dauert alles ein bisschen lange. Beispielsweise das Plattencover: Der ein will es so, der andere so. Der eine hat diesen, der andere jenen Geschmack. In einer großen Band ist das schwierig genug unter eine Haube zu bringen. Irgendwann war es dann lästig und behindernd und die andere Seite ist, du siehst ja nie Geld bei so nem Label. Du machst eine Platte nach der anderen und bist mit 55 immer noch ein armes Schwein.

Frank: Na gut, aber ein eigenes Label muss auch irgendwie existieren, verwaltungstechnisch und so.

Na ja, verwaltungstechnisch. Es ist aber doch nicht so, dass man eine ganze Etage und dann auch noch das Management bezahlen muss. Das sind schon einmal zwanzig Prozent aller einnahmen. Dann die Booking Agentur, die nimmt auch noch mal zwanzig Prozent. Wir booken uns ja auch selber. Da bleibt dann nichts mehr übrig für so ne Combo. Die kommen alle mit nem 500er SLK und du fährst immer noch Fahrrad. Und du bist eigentlich der, der die Musik macht. Also das kann ich nur allen Bands empfehlen, wenn sie einigermaßen fit im Koppe sind. So schwer ist das alles nicht.

Frank: Habt ihr das Label nur für euch?

Wir haben das nur für uns. Also wir vor zwei Jahren mal darüber nachgedacht, auch mal mit anderen Bands was zu machen. Es kamen ein Haufen Bewerbungen bei uns an. Promosachen und so was alles. Wir haben dann aber festgestellt, dass wir das einfach nicht schaffen, also dass wir es nicht richtig machen können. Wenn wir dann irgend ne Band nehmen würden und das dann nur so halbherzig machen würden ... und das wollten wir dann nicht.

Frank: Wäre ja vielleicht noch was für die Zukunft, wenn es dann doch irgendwann einmal vorbeisein sollte.

Glaube ich nicht, dass ich auf so was Bock habe ...

Frank: Könnt ihr jetzt von der Musik leben oder habt ihr noch normale Jobs?

Ha, ha, du bist ein richtiger Witzbold. Ei, wir sind Spielleute. Spielleute haben Ehre im Leib und gehen nicht arbeiten. Das mach ich jetzt schon seit über zwanzig Jahren. Wir gehen nicht zu Dienste, bei niemandem. Das ist Verrat, wenn einer arbeitet ist das Verrat.

Frank: Wenn ihr euch selber bookt, wie wählt ihr euren Support Act aus?

Red Ink sind Bekannte von uns. Unser Merchandiser kennt die schon seit ewigen Zeiten und hat sie uns irgendwann mal vorgestellt. In Berlin war ich mal mit zwei Kollegen auf einem Konzert, aber einfach nur zum Spaße, da haben wir überhaupt noch nicht darüber nachgedacht, ob wir die mal als Support mitnehmen. War einfach nur so Interesse halber. Dann haben wir die Kennen gelernt, das sind coole Typen, kommen gut klar mit denen, und dann hat sich das so ergeben mit der Tour und Red Ink haben angefragt und dann haben wir gesagt: Na klar, warum nicht.

Frank: Ihr baut ja eure Instrumente selbst. Wo lernt man so was?

Wir bauen unsere Instrumente nicht selber. Wir haben einen Spezialisten in der Band, der Wim. Der baut die Instrumente. Er war in England auf der Instrumentenbauschule. Entstanden ist das mit dem Instrumentenbau noch zu Ostzeiten. Wir sind ja alle hinter der Mauer groß geworden und da gab es keine Instrumentenbauer.
Wir fanden das aber geil, weil wir irgendwie balkanmäßig unterwegs waren und haben da unsere ersten Dudelsäcke gesehen, Ziegensäcke von den Hirten und solche Sachen. Das war schon was. Ohne Strom in der Kneipe auf den Tisch gestellt, kriegen Freibier. Aber es gab keine Instrumentenbauer und ich glaube es gibt da auch niemanden, der so etwas baut wie wir das haben. Da haben wir einfach angefangen selber zu bauen.
Die erste Drechselbank war so ne Bohrmaschine zum einspannen, nichts besonderes. Ein paar Birnenstämme geholt und abgehackt und dann so die ersten Flöten gebaut. Wir hatten keine Ahnung von irgendwelchen Mensuren. Einfach die Finger draufgelegt, wie im Mittelalter, Punkte dran und dann mit dem Messer gestimmt. Die haben dann auch ganz schon beschissen geklungen am Anfang.

Frank: Und wie habt ihr dann spielen gelernt?

Einfach gemacht. Jeder von uns hat mal ein Instrument gelernt. Bisschen Technik und da waren wir viel in Ungarn, Rumänien, Bulgarien und solche Sachen unterwegs und dann lernst du halt so Leute kennen wenn du unterwegs bist und da kann man sich dann immer mal was abluchsen. In Ungarn habe ich mal einen alten Dudelsackspieler kennen gelernt und habe dann halt auch mal ein paar Fragen gestellt, so mit Händen und Füßen unterhalten. Und da hat man sich dann den ein oder anderen Trick abgelauscht im Laufe der Jahre.

Frank: Ihr wart ja letztes Jahr in Moskau. Wie kam es dazu?

Wir waren jetzt schon zweimal da. Ja, die haben halt mal angefragt. Die haben uns per Internet angeschrieben. So haben wir festgestellt, dass da reges Interesse an der Band ist, was wir gar nicht so wussten. Ja, und dann sind wir da runter gefahren. Wir haben gedacht, dass wir da in irgend so nem Punkladen spielen, vor zweihundert Leuten oder so. Alles total räudig und wer weiß wo wir dann da pennen ... dann war das aber ein ganz schicker Laden und gleich über tausend Leute in der Halle, die total abgefeiert haben. Die konnten die ganzen Texte auswendig. Da haben wir erst mal da gestanden und gestaunt, was? Ja, und die Party war dann natürlich obercool, mit echtem russischen Wodka und Kaviar. Das war schon geil. Und jetzt waren wir schon das zweite mal da und es war genauso.

Und wie ist es sonst so mit dem Erfolg außerhalb Deutschlands?

Wir waren mit Corvus Corax in Amerika. Ziemlich geile Resonanz. Wir haben da zwei Wochenenden auf so ner Art Mittelaltermarkt gespielt, aber die haben ja keine Ahnung von Mittelaltermärkten, das ist alles so eine durcheinander gewürfelte Variante.

Frank: Wo soll's auch herkommen ...

Ja, die sind auch so. Da sind dann Piraten und alles mögliche. Die machen dann halt eher eine Fantasyparty. Es war aber lustig, also für uns war das richtig neckisch und so etwas wie uns hatten sie noch nicht gesehen ... Wir waren dann die »crazy germans« und kamen gut an. In der Woche waren wir dann so ein bisschen unterwegs. New York, Philadelphia, Atlantic City und solche Sachen haben wir uns angesehen. War schon sehr interessant.

Frank: Ich denke, die nächste Frage hast du schon fast beantwortet. Ihr habt ja so ein Nischendasein mit Tanzwut und Corvus Corax. Das heisst ihr passt nicht bei MTV aber auch nicht so richtig in den Metal rein. Wie stehst du dazu?

Egal, wir machen die Mucke die wir wollen, keinen Bock auf Sparten im Endeffekt. Mit Corvus Corax haben wir angefangen krasses Mittelalter zu spielen. Absichtlich schiefe Töne und so. Damals gab es nur das akademische Mittelalter mit Harfe und Hildegard von Bingen, fünfzig Strophen hintereinander, wo du dann langsam so nach vorne abgenickt bist. Den Punk den gab es nicht. Es stand damals im Osten in der Zeitung: Ein Grauen zog durch die Menge, als sie kamen, ha, ha. Da waren wir bei irgend so einer Veranstaltung eingeladen. Also wir haben uns da nie drum geschert.

Waltraud: In welchem Jahr ist Corvus Corax eigentlich entstanden?

Das ist jetzt siebzehn Jahre her. Das haben zwei Kollegen von uns gegründet, die über Ungarn in den Westen abgehauen sind. Der Castus und der Wim. Und wir waren noch im Osten. Wir haben aber vorher schon Mittelaltermusik gemacht und die haben Corvus Corax irgendwann in Holland gegründet. In dem Jahr vor der Wende sind die zwei über Ungarn abgehauen. Da waren auf einmal zwei Kollegen weg ...

Frank: Wie denkst du über Kopierschutz auf CDs, Tauschbörsen und könntest du dir vorstellen nur noch über das Internet zu vermarkten?

Das Internet ist eine gute Plattform für Musik. Kopierschutz auf CDs, so was machen wir ja nicht. Wir könnten nicht in Russland spielen, wenn es nicht kopierbar wäre. Du verkaufst keine einzige CD in dem Land. Da gibt es so einen Schwarzmarkt, da fallen dir die Ohren ab.
Ja, für nen Musiker ist es immer gut, wenn er CDs verkauft. Die Kohle brauchen wir, davon leben wir. Man braucht mal ein neues Gerät für die Bühne und mal dies und das. Der Nightliner will bezahlt sein.
Es ist natürlich immer cool, wenn die richtigen Fans die CD kaufen. Und das Gefühl hab ich bei unseren Fans auch, dass die da nicht so ranzig drauf sind. Die Kids die Viva Mucke sehen, die brennen das alles, weil die gar keinen wirklichen Bezug zu dieser Musik haben. Unsere Fans, die wollen ne richtige Scheibe haben.

Waltraud: Die CD ist ja auch ziemlich aufwändig gestaltet. Zwanzigseitiges Booklet und so. Dann lohnt es sich ja auch mal.

Ja, wenn wir so was machen, dann geben wir uns auch Mühe. Die Plattenfirmen haben es ja jetzt raus gehauen, dass man eine CD mit und eine ohne Booklet bekommt. Das ist ja etwas, was ich für völlig schwachsinnig halte. Für mich ist es so, wenn ich mir eine CD kaufe, ist das wie wenn ich mir ein schickes Buch kaufe. Das würde ich auch nicht in den Kopierer schmeißen, nur dass ich es nicht bezahlen muss. Ich muss zu mir sagen, ich bin noch mit Vinyl aufgewachsen, das war ne ganz andere Geschichte. Da war eine Plattensammlung noch was Spezielles, das wird wahrscheinlich nie wieder kommen.

Frank: Ja, das war's dann jetzt von unserer Seite. Möchtest du noch etwas zum Abschluss sagen?

AARRGH ... ES IST SPÄTER; ALS DU DENKST ... HA HA HA

Waltraud

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